Abitur nicht nur für Schrauber

Die beruflichen Gymnasien führen mit viel Praxis zur Allgemeinen Hochschulreife / Anmeldung im Februar

Von Sabine Hamacher

Etwa zehn junge Männer sitzen vor Bildschirmen im sogenannten Labor, einem Fachraum. Die Gymnasiasten im ersten Halbjahr der Qualifizierungsstufe (Q1) haben gerade Projekt-Unterricht in einem Fach mit dem sperrigen Namen Technikwissenschaft-Ergänzung. In den vergangenen Monaten haben sie sich mit Robotergreifern beschäftigt, wie sie auch in der industriellen Montage Verwendung finden. Es galt, die Modelle auseinanderzubauen und in einer technischen Zeichnung nachzuvollziehen, wie Lehrer Manfred Tesch erklärt.

Kleyer-Schüler lernen , wie am Computer technische Zeichnungen angefertigt werden
Kleyer-Schüler lernen zum Beispiel, wie am Computer technische Zeichnungen angefertigt werden. (Fotos: Peter Jülich)

Dass es nicht bei der Theorie bleibt, sondern das Gelernte in der Praxis angewendet wird – darin liegt für Klaus Berk eine der Stärken des beruflichen Gymnasiums. Frankfurt hat zwei davon, beide im Nordend. Und beide sind zum Bedauern ihrer Leiter nicht bekannt genug. „Wir haben noch Kapazitäten“, sagt Berk, Leiter der Heinrich-Kleyer-Schule. „Dass man sich auf einem beruflichen Gymnasium nicht festlegt, sondern die allgemeine Hochschulreife für alle Studiengänge an Universitäten und Hochschulen erwirbt, hat sich noch nicht genug herumgesprochen“, findet sein Kollege Klaus Schäfer von der Klingerschule. Noch immer glaubten viele Interessenten, am beruflichen Gymnasium mache man eine Art "Fachabitur".

Doch beide Schulen sind eigenständige Oberstufengymnasien. Davon gibt es in Frankfurt drei weitere, ab August sogar vier. Während diese Oberstufen von Absolventen der Real- und Gesamtschulen in den vergangenen Jahren regelmäßig überlaufen wurden, ging der Boom an den beruflichen Gymnasien vorüber. „Dabei sind sie eine gute Alternative für die, die schon wissen, in welche Richtung sie wollen“, sagt Schäfer. Viele der Lehrer haben sich selbst in der Wirtschaft erprobt.

Für künftige Schüler steht die Anmeldung im Februar an. Voraussetzung ist die Versetzung in die gymnasiale Oberstufe oder der mittlere Bildungsabschluss. Die Heinrich-Kleyer-Schule, von deren Räumen man zur einen Seite zum Hessischen Rundfunk, zur anderen zum Hauptfriedhof blickt, hat sich auf Technik spezialisiert. „Wer hierherkommt, muss nicht der Schrauber sein“, sagt Abteilungsleiter Fritz Schmid. Doch eine gewisse Neugier, wie etwas funktioniert, sollte da sein.

Jan Möllenhecker, 18,
macht es Spaß, mit Programmen zu arbeiten
Jan Möllenhecker
"Ich wollte auf alle Fälle etwas Technisches machen, schon von klein auf. Außerdem hatte ich Probleme mit der zweiten Fremdsprache, die ich hier abwählen konnte. Mir macht es Spaß, mit Programmen zu arbeiten. Ich will auf alle Fälle studieren, da schwebt mir ein duales Studium vor. Das wird wohl Richtung Maschinenbau gehen." (sha.)
Jan Walter, 17,
experimentiert zu Hause mit Software
Jan Walter
"Mein erster Kindheitswunsch war Erfinder, danach kam Ingenieur. Mein Vater hat Maschinenbau studiert, das möchte ich auch machen. Ich habe Spaß an Software und experimentiere zu Hause damit. Das ist mein Hobby. Diese Art von Erfahrung kommt bestimmt gut, wann man sich später bewirbt." (sha.)
Julian Dreyer, 17,
möchte Maschinenbau studieren
Julian Dreyer
"Ich habe relativ früh entschieden, dass ich in eine technische Richtung gehen will. Mein Vater ist Getriebeentwickler, das fand ich schon immer gut. Ich habe dann auch mal ein Praktikum als Getriebeentwickler gemacht, das war super. Ich möchte Maschinenbau studieren, am besten dual." (sha.)

Wer hier sein Abitur machen will, kann sich in der Einführungsphase zwischen den Schwerpunkten Mechatronik und Datentechnik entscheiden. Die bilden dann in der Qualifikationsphase – also den beiden letzten Schuljahren bis zum Abitur – automatisch das zweite Leistungsfach. Als ersten Leistungskurs können die Schüler zwischen Mathematik, Physik, Chemie und Englisch wählen. Auf insgesamt fünf Abteilungen verteilen sich etwa 2400 Schüler, von denen rund 180 das Berufliche Gymnasium besuchen. Sie profitieren auch von den Werkstätten und modernen Einrichtungen der anderen Abteilungen, etwa der Fachschule mit Maschinenbau-Schwerpunkt.

Die Klingerschule in unmittelbarer Nähe der unteren Berger Straße spricht eine andere Klientel an: Hier können sich die Schüler schwerpunktmäßig für Wirtschaft oder Gesundheit entscheiden. Die Fachrichtung Wirtschaft besuchen derzeit 187, die für Gesundheit 109 der insgesamt 700 Schüler des Komplexes mit mehreren Berufsfachschulen. Als erstes Leistungsfach stehen Deutsch, Englisch oder Mathe zur Wahl. Auch hier spielt die Praxis eine wichtige Rolle.

Ganz wie in den Labors der Heinrich-Kleyer-Schule. Wenn heute das nächste Halbjahr beginnt, werden die jungen Männer hier lernen, wie technische Abläufe automatisiert werden. Lehrer Tesch führt das am Modell schon mal vor: Leise surrend montieren Greifarme runde Uhren auf Metallteile, die dann weiter transportiert und nach Farben sortiert werden. Vollautomatisch. „Das entspricht dem Standard einer modernen Industrieanlage“, sagt Tesch.

Mehr Info auf www.klingerschule.com und www.heinrich-kleyer-schule.de. Wer sofort nach dem Mittleren Abschluss wechseln will, muss dies bis Mitte Februar seiner Schule melden; alle anderen melden sich bis Ende Februar direkt an.

Erschienen in der Frankfurter Rundschau vom Montag, dem 4. Februar 2013. Die Veröffentlichung auf unserer Schulwebsite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sabine Hamacher und des Fotografen Peter Jülich.

Hinweis: Zurzeit sind noch Plätze verfügbar!