Ein Einblick in das duale System der Berufsausbildung für Gastwissenschaftler aus China

Am 18. Februar 2016 besuchten zwei Gastwissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt die Heinrich-Kleyer-Schule.

Frau Dr. Yonghong Qin kommt aus Nanjing, der mit ca. 8 Mio. Einwohnern zweitgrößte Stadt Ostchinas. Sie ist Elektroingenieurin und Lehrerin am NIIT, Nanjing Institute of Industry Technology, die 1918 gegründet wurde und somit die älteste Berufsschule Chinas ist. An den drei Standorten des NIIT werden ca. 13.000 Schüler/innen in Vollzeitschulformen unterrichtet. Herr Dr. Wenping Zhao ist Assistenzprofessor von der Tianjin Universität für Technologie und Bildung (天津大学). Tianjin ist eine wichtige Hafenstadt im Norden Chinas (ca. 14,5 Mio. Einwohner). Die 1895 gegründete Tianjin Universität (ca. 25.000 Student/innen) ist die älteste Universität Chinas.

Beide Wissenschaftler forschen zu den Themen berufliche Bildung und Reformierung des chinesischen Berufsschulsystems. In diesem Zusammenhang arbeiten sie an der Technischen Universität Darmstadt im Arbeitsbereich Technikdidaktik (Prof. Ralf Tenberg). Sie gehören chinesischen Forschungsgruppen an, die aktuell an den deutschen Universitäten und Hochschulen mit Studiengängen zum Berufsschullehramt bzw. Bachelor und Master of Education vertreten sind.

Als Ergänzung zu ihrer bisher theoretischen Auseinandersetzung mit dem deutschen dualen System der beruflichen Bildung wurde am 18. und 19. Februar ein Zugang ermöglicht, der direkt vor Ort ansetzt, also da wo das duale System der Berufsbildung gelebt wird. Dazu wurden zwei duale Partner vorgestellt, die Heinrich-Kleyer-Schule Frankfurt am Main und Provadis – Partner für Bildung und Beratung GmbH, die in mehreren Ausbildungsberufen (Mechatroniker, Industriemechaniker, Zerspanungsmechaniker) zusammenarbeiten.

Am ersten Tag startete der Besuch an der Schule gemeinsam mit den Schüler/innen um 7:30 Uhr. Zunächst wurde ein theoretisch-orientierter Lernfeld-Unterricht in einer Mechatroniker-Klasse des 3. Ausbildungsjahres besucht, der als alternierende Kombination von Phasen der Erarbeitung in Gruppen, angeleitet durch entsprechende Materialien und strukturierenden Besprechungsphasen gestaltet war. Für die beiden Gäste war dabei besonders interessant zu erleben, wie die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülern ausgestaltet wurde.

In chinesischen Berufsschulen liegt die Klassengröße bei 40 Schüler/innen, wodurch eine individuelle Auseinandersetzung zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen nicht realisiert werden kann. Auch die Selbstständigkeit während der Bearbeitung, der fachliche Austausch unter den Schülern sowie der selbstverständliche Umgang mit dem Tabellenbuch beeindruckte, denn in der chinesischen Realität der Berufsbildung sind aktivierende Unterrichtsformen, in der die Schüler/innen selbstständig Aufgaben oder Probleme lösen, kaum vertreten.

Nach der Pause, die dazu genutzt wurde Gespräche mit Lehrer/innen zu führen, fand ein Besuch bei einer Mechatronik-Klasse im 2. Ausbildungsjahr statt. Die Entwicklung der Schüler/innen konnte dadurch deutlich wahrgenommen werden. Dieser projektartig aufgebaute Unterricht fand im Elektrotechnik-Labor statt. Die Schüler/innen arbeiteten selbstständig an unterschiedlichen Arbeitsplätzen, besprachen sich und holten sich bei Bedarf Unterstützung beim Lehrer. Darüber hinaus erklärten sie den chinesischen Gästen ihre aktuellen Aufgabenstellungen und ihre jeweiligen Herangehensweisen. Der Kollege ergänzte die Information der Schüler/innen durch die Einbettung des Projekts in den Unterrichtsverlauf und das zugrundeliegende didaktische Konzept.

In der 5. und 6. Stunde waren die Gäste zu einem Gespräch mit dem Schulleiter eingeladen. Herr Nolde stellte, aufbauend auf dem Eindruck, den die Gäste bereits gewonnen hatten, die Struktur der Heinrich-Kleyer-Schule vor und beantwortete die Fragen der Gäste. Zentrale Themen waren dabei, wie der hohe Stand der Kompetenz der Lehrer/innen auf fachlicher und pädagogischer Seite erzeugt und gehalten, wie auf die Entwicklung hin zu Industrie 4.0 reagiert und wie die enge und funktionierende Verknüpfung zwischen Schule und Betrieb gestaltet wird.

Nach dem Mittagessen schloss der Tag mit einem ausgedehnten Rundgang durch die Unterrichtsräume, Labore und Werkstätten der Schule, bei dem auch verschiedene Unterrichtskonzepte vorgestellt wurden.

Am zweiten Tag wurde der Blick auf die betriebliche Seite der dualen Bildung gerichtet. Der Besuch fand bei Provadis-Partner für Bildung und Beratung GmbH statt. Die Auswahl des dualen Partners basierte auf der Größe bzw. der Zahl der Auszubildenden, die am Frankfurter Standort von Provadis, als Ausbildungsdienstleister für den Industriepark Höchst, unter den dualen Partnern der Heinrich-Kleyer-Schule weit überdurchschnittlich ist. So kam man den chinesischen Verhältnissen am nächsten, auch wenn diese bei Weitem nicht erreicht werden.

Der Besuch begann mit einem Überblick über den Standort am Industriepark Höchst und wurde dann in einen Rundgang durch die Bereiche verschiedener Industriezweige (Elektrotechnik, Metalltechnik, Chemietechnik) übergeleitet. In den einzelnen Sektionen wurden die Auszubildenden und ihre Ausbilder in verschiedenen Ausbildungssituationen beobachtet. Es fanden Gespräche mit Ausbildern und Auszubildenden statt, in denen die aktuellen Projekte erläutert wurden. Im Zusammenhang mit der Ausbildungsgestaltung bei Provadis wurde dieser Teil der Ausbildung innerhalb des Gesamtkonstrukts Berufsausbildung verortet.

Neben den Informationen zur Ausbildung bei Provadis und anschließendem Einsatz in den Unternehmungen des Industrieparks konnten die Gäste bei diesem Besuch auch die Beziehungsebene zwischen den Vertretern der beiden Seiten der dualen Bildung erleben. Die Erfahrung der Zusammenarbeit zwischen Ausbilder und Lehrkraft wurde ergänzt durch das Miterleben von Kontakten zwischen Schülern und Lehrkraft außerhalb der Schule.

Beide Gastwissenschaftler gaben in der Nachbesprechung an, dass es erst durch diesen Besuch mit dem Einblick in aufeinander abgestimmt schulische und betriebliche Berufsausbildung möglich wurde das Wesen der dualen Ausbildung zu erfassen. Sie werden mit vielen Ideen nach China zurückkehren, wo sie das größte Problem in der fehlenden Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Schule sehen.